BETON

​Die fest gefügte Welt der Baulehre wurde durch technisch erstmals mögliche Fragmentierungen und Brüche aufgerissen. Ein Großteil unserer heutigen Modernen Architektur ruft Unsicherheit in uns Menschen hervor, sie wirkt ruhelos und ist unfähig Heimat zu schaffen. Nach Freud, dessen klassischen Aufsatz über das Unheimliche zum Thema von 1919 der Architekturhistoriker Vidler zum Ausgangspunkt nimmt, beziehe das Unheimliche „seine Kraft eher aus seiner Unerklärbarkeit, seinem Gefühl von lauerndem Unbehagen, als aus irgend einer klar definierten Quelle der Angst“. Vidler folgt bei seiner Interpretation Freud nicht in die Abgründe des Unbewussten, sondern bleibt auf dem sicheren Terrain der philosophisch und kulturhistorisch gesättigten Baugeschichte.

 

Viele Geisteswissenschaften beschäftigen sich mit der Thematik des Ich und des Seins. Denn bei der Frage nach dem Kern unseres Menschseins sind sich die verschiedenen Disziplinen alles andere als einig. Klar ist lediglich, dass sich die Gattung Homo sapiens vor allem durch ihr hoch entwickeltes Ich-Bewusstsein auszeichnet. Auch stimmen Natur- und Geisteswissenschaftler darin überein, dass wir alle über einen höchst subjektiven Blick auf die Welt verfügen – eine „Erste-Person-Perspektive“, wie Philosophen das nennen. So wie unsere Seele ( Ich ) in unserem Körper wohnt, so umschließt uns auch der Wohnraum unseres Seins, ein Ausdruck welcher sichtbar macht was uns innerlich bewegt. Die Art und Weise, wie wir Raum erleben, ist die Basis und Ausdruck einer Entwicklungsstufe unseres Bewusstseins, meint Psychoanalytiker Dieter Funke und nennt das Haus die dritte Haut des Menschen. 

 

Die gezeigten Aufnahmen sind mit der Mamiya 645 Pro im 6 x 4.5 Format fotografiert und bilden eine Metabolisierung / Metaphorisierung  des Unheimlich werdens. Räume entgleiten, werden fremd und dunkel , sie sind Metaphern des Ichs welche sich seiner selbst nicht mehr sicher sein kann, während es sich als Individuum durch die Räume bewegt. In der Verfassung der Kommunikationslosigkeit wird man zur stummen, lebhaften Statur. Das Ich hingegen wird immer wieder auf sich selbst zurückgeführt, auf sein allein sein im Raum. Unheimlichkeit, Ohnmachtsgefühl, Wut, Klaustrophobie oder Wahrnehmung des inneren Selbst, alles ist eine Frage der inneren Einstellung und der Frage, ob man in diesem scheinbar sinnlosen Raum einen persönlichen Sinn findet. Die Flächen weisen keinerlei persönliche Spuren auf, das universal Baumaterial Beton ist in schlichten Grautönen gehalten und wirkt nahezu anonym, so dass sich die Aufmerksamkeit auf die Geometrie konzentriert.

 

Kein Raum für Konsum oder viele Dinge, die das Persönliche zum Ausdruck bringen könnten. Über einen längeren Zeitraum darin zu leben, würde bedeuten, mit sich konfrontiert zu sein, oder auch eingesperrt zu sein. Ob man diese Dichte des Raumes als einengend oder frei von jeder Ablenkung, einem asketischen Ideal entsprechend, bezeichnen mag, liegt wohl an der eigenen Konstitution.

Die Serie ist in erster Linie psychisch konstituiert. Sie provoziert zum einen Fragen nach den elementaren Bedürfnissen des Menschen sowie nach den Wechselwirkungen zwischen Raum und Individuum. Wie können wir leben ? Wie manipuliert der Raum die Lebensformen einzelner Menschen und wie die Gesellschaft ? 

©2018 by Mandy Moebes