Der Wald

ist unsere Heimat – und gleichzeitig ist er uns fremd und unheimlich. 

In Zeiten der ökologischen Krise wird viel über unser Verhältnis zur Natur diskutiert, dabei spielt der Wald eine wichtige Rolle. Der italienische Philosoph Giambattista Vico war davon überzeugt, das aller Anfang im Wald liegt. Er ging davon aus, dass die Erde einst komplett von Wald bedeckt war. Vico erzählt in seiner “Neuen Wissenschaft”, wie alles angefangen hat.

 

Unsere Vorfahren waren Giganten. Sie wohnten in Wäldern, sie kannten den Himmel nicht, weil das Blätterdach ihn verbarg. Ein Gewitter mit furchtbaren Blitzen riß eine Lichtung; “lucus” schreibt Vico, und das bedeutet beides: Auge und Lichtung. Zum erstenmal konnten die Giganten den Himmel sehen und fühlten sich von ihm gesehen. Sie waren nicht mehr alleine. Das Zurückweichen des Waldes setzt das Drama des Sehens und der Sichtbarkeit in Gang. Von nun an gibt es kein Halten mehr; wo Wald war, soll Lichtung sein. Vico: “Die Ordnung der menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst gab es die Wälder, dann die Hütten, darauf die Dörfer, später die Städte...” Unabdingbar dafür, so Vico, waren Lichtungen, sonst hätte man schließlich im wahrsten Sinn des Wortes den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Wenn man Giambattista Vico folgt, klafft seitdem ein Riss durch die Welt. 

 

Wir verorten uns in einer Epoche der großen Gereiztheit, der totalen Beobachtung und Überwachung, wir sind Natur, aber wir können nicht anders als sie überschreiten. Dadurch wird sie uns so fremd, wie wir uns selbst sind. Wir müssen sie bearbeiten, so wie wir uns selbst auch bearbeiten müssen. Wir können nicht in ihr hausen, sondern müssen in ihr wohnen. Die Wälder spiegeln uns die Fremdheit zurück, die auch in unserem Selbstverhältnis steckt. Sieht man sich die Geschichte des Waldes an, erkennt man die langsame Entzauberung bis hin zur Rodung, ein wachsen der ,,Lichtung“.

 

Lichtung: das lebbare Provisorium, das Wohnen in der Verirrung, der Triumph des Anfangenkönnens an Ort und Stelle, hier und jetzt, und sei der umringende Wald der Zivilisation, dieses Dickicht aus Informationen und Imperativen, auch noch so undurchdringlich. Aber vielleicht erfordert das die Kühnheit jener anfänglichen Giganten, von denen Vico erzählt.

 

Und schließlich die Mahnung von Nietzsches Zarathustra: “Bleibet der Erde treu!”

©2018 by Mandy Moebes